Das Uhrwerk ist der Motor jeder Uhr – und das Kaliber ist sein konkretes Modell, quasi der Werksname. Ob Schweizer ETA, japanisches Miyota, ein Seiko NH35 oder ein hauseigenes Werk von Rolex: Welches Werk in einer Uhr steckt, entscheidet über Ganggenauigkeit, Gangreserve, Wartbarkeit und einen guten Teil des Preises. Dieser Überblick sortiert die wichtigsten Automatikwerke nach Herstellern – und zeigt dir, welche bekannten Uhren sie verbauen.
Das Wichtigste in Kürze
Die Kurzfassung, bevor wir in die einzelnen Werke einsteigen:
Uhrwerk oder Kaliber – wo liegt der Unterschied?
Die beiden Begriffe werden oft synonym benutzt, meinen aber nicht ganz dasselbe.
Das Uhrwerk ist der komplette Antrieb einer Uhr – also alles, was die Zeiger bewegt. Das Kaliber ist die konkrete Bezeichnung eines bestimmten Werks, meist mit Hersteller und Nummer. „ETA 2824-2“ ist ein Kaliber, „Automatikwerk“ nur die Gattung.
Ursprünglich stand „Kaliber“ für die Baugröße eines Werks. Heute ist es schlicht der Eigenname – vergleichbar mit einer Motorbezeichnung beim Auto. Wer weiß, welches Kaliber in seiner Uhr tickt, kann Ganggenauigkeit, Ersatzteile und Wartungskosten viel besser einschätzen.
Die drei Antriebsarten im Überblick
Bevor es um einzelne Kaliber geht, lohnt der Blick auf die drei grundsätzlichen Antriebsarten. Sie entscheiden über Genauigkeit, Pflege und Charakter der Uhr.
Schweizer Uhrwerke: ETA und Sellita
Die Schweiz ist die Heimat der bekanntesten Automatikwerke – allen voran ETA, der Werkelieferant der Swatch Group.
- ETA 2824-2: das Arbeitstier schlechthin. 4 Hz (28.800 Halbschwingungen/h), Handaufzug, Sekundenstopp, rund 38 Stunden Gangreserve. Seit Jahrzehnten in unzähligen Uhren verbaut.
- ETA 2892-A2: flacher und feiner als das 2824, oft in höherwertigen Uhren und als Basis für Komplikationen.
- Powermatic 80: ETAs modernes Werk (Kaliber C07) mit rund 80 Stunden Gangreserve – daher der Name. Läuft mit 3 Hz und steckt in vielen aktuellen Swatch-Group-Uhren.
Weil ETA die Belieferung fremder Marken beschränkt hat, ist Sellita zur wichtigsten Alternative geworden. Die Sellita SW200-1 ist technisch nahezu deckungsgleich mit dem ETA 2824-2, die SW300 entspricht dem 2892. Viele Marken sind komplett auf Sellita umgestiegen. Mehr dazu, welche Uhren welches Werk nutzen, findest du in unserer Übersicht Uhren mit ETA 2824-2 & Nachfolgern. Herstellerseiten: ETA und Sellita.
Bekannte Uhren mit Schweizer Werken
Eine kleine Auswahl, welche Uhren typischerweise auf ETA- oder Sellita-Werken laufen (je nach Modelljahr):
Japanische Uhrwerke: Miyota und Seiko
Japan liefert die robusten, günstigen Basiswerke, die einen Großteil der bezahlbaren Automatikuhren antreiben.
Miyota (gehört zu Citizen) ist der größte Werkelieferant der Welt: – Miyota 8215: das günstige Arbeitstier. 3 Hz, rund 42 Stunden Gangreserve – aber ohne Sekundenstopp und ohne Handaufzug. Der Sekundenzeiger „stottert“ leicht. – Miyota 9015: die moderne Oberklasse. 4 Hz, flacher, mit Handaufzug und Sekundenstopp. Beliebt bei Microbrands. – Miyota 9039: das 9015 ohne Datum, für cleane Zifferblätter.
Seiko bzw. die Tochter SII/TMI liefert die beliebte NH-Serie: – Seiko NH35: 3 Hz, 24 Steine, Sekundenstopp und Handaufzug, mit Datum. Der Liebling der Microbrand-Szene. – NH34 (GMT) und 4R36 (Tag/Datum, Seikos eigene Uhren) runden die Familie ab.
Herstellerseiten: Miyota und Seiko.
Bekannte Uhren mit japanischen Werken
Wo japanische Werke typischerweise stecken (je nach Modell und Baujahr):
Miyota 8215 vs. Seiko NH35 – welches ist besser?
Beide Werke spielen preislich in derselben Liga und laufen mit 3 Hz – der Unterschied steckt im Detail.
Der Seiko NH35 bietet zwei Dinge, die dem Miyota 8215 fehlen: Sekundenstopp (Hacking) und Handaufzug. Du kannst die Uhr also sekundengenau stellen und ohne Tragen anschubsen. Der NH35 hat außerdem 24 Steine gegenüber 21 beim Miyota.
Der Miyota 8215 punktet mit seiner enormen Verbreitung und Robustheit – er läuft und läuft. Störend finden manche nur den leicht stotternden Sekundenzeiger und den fehlenden Handaufzug.
Unterm Strich: Für die meisten ist der NH35 das rundere Paket. Wer ein flacheres, höher getaktetes Werk sucht, greift ohnehin zum Miyota 9015. 💡 Auf ein, zwei Sekunden Ganggenauigkeit pro Tag kommt es bei beiden Werken nicht an – beide bewegen sich im normalen Rahmen mechanischer Uhren.
Chinesische Werke und Klone: PT5000, Seagull & Co.
Nicht verschweigen sollte man die chinesischen Werke – sie sind in den letzten Jahren deutlich besser geworden.
Das PT5000 ist ein sehr enger Nachbau des ETA 2824-2, inklusive Sekundenstopp und Handaufzug, und läuft in vielen preiswerten Microbrand-Uhren erstaunlich sauber. Das Seagull ST2130 ist ebenfalls ein 2824-Klon. Dazu kommen Seagulls eigene Kaliber, etwa im Bereich der Fliegeruhren.
Ehrlich eingeordnet: Die Werke bieten viel Technik fürs Geld, die Serienstreuung ist aber größer als bei Schweizer oder japanischer Ware. Für Einsteiger und Bastler sind sie trotzdem eine spannende Option.
Manufakturwerke: Wenn die Marke ihr Werk selbst baut
Bisher ging es um Werke, die zugekauft werden. Es gibt aber Marken, die ihre Kaliber selbst entwickeln und fertigen – sogenannte Manufakturwerke (oft einfach „in-house“ genannt). Der Aufwand ist enorm, entsprechend gelten diese Werke als Aushängeschild und rechtfertigen einen großen Teil des Preises.
Typische Beispiele:
- Rolex: komplett eigene Werke wie das Kaliber 3235, allesamt als Superlative Chronometer auf -2/+2 Sekunden pro Tag zertifiziert.
- Omega: Co-Axial-Master-Chronometer-Werke (z. B. 8800/8900), METAS-geprüft und stark antimagnetisch.
- Breitling: das Manufaktur-Chronographenwerk Caliber 01 (B01).
- Weitere: Patek Philippe, A. Lange & Söhne, Jaeger-LeCoultre, Zenith (El Primero) oder Grand Seiko bauen ebenfalls im eigenen Haus.
Und wohin gehören die Luxusmarken generell? Grob lassen sich drei Ebenen unterscheiden:
- Einstieg und Mittelklasse: zugekaufte Werke von ETA, Sellita, Miyota oder Seiko.
- Gehobene Marken: modifizierte Basiswerke oder erste eigene Kaliber, etwa bei Tudor, TAG Heuer oder Nomos.
- Luxus und Manufaktur: komplett eigene Werke mit aufwendiger Veredelung – Rolex, Omega, Patek Philippe oder A. Lange & Söhne.
Ein Hinweis noch: „Manufaktur“ ist kein geschützter Begriff. Manche Marken bauen wirklich alles selbst, andere modifizieren nur ein zugekauftes Basiswerk und nennen es dann hauseigen.
Bekannte Manufakturwerke
Einige der bekanntesten hauseigenen Kaliber und ihre Marken:
Woran erkenne ich, welches Werk in meiner Uhr steckt?
Oft steht es gar nicht auf dem Zifferblatt. So kommst du dem Kaliber trotzdem auf die Spur:
- Sichtboden: Viele Automatikuhren haben einen Glasboden, auf dem das Kaliber eingraviert oder aufgedruckt ist.
- Datenblatt oder Anleitung: Hersteller nennen das Werk meist in den technischen Daten.
- Referenznummer googeln: Modellname plus „Kaliber“ oder „movement“ fördert fast immer die Antwort zutage.
- Uhrmacher fragen: Wer den Boden öffnet, sieht das Werk direkt – das überlässt du am besten dem Profi.
💡 Tipp: Worauf du beim Werk achten solltest
Für den Einstieg gilt: Ein weit verbreitetes Werk ist Gold wert. Ersatzteile, Wartung und Erfahrungswerte sind dann problemlos verfügbar – anders als bei exotischen Manufakturkalibern.
Ein gutes Beispiel für ein modernes, unkompliziertes Werk ist das Powermatic 80 in der Tissot Seastar 1000: rund 80 Stunden Gangreserve, Schweizer Qualität und in unserem Test eine glatte 1,4. Aktueller Preis: 880,00 €.
Fazit
Das Kaliber ist das Herz jeder Uhr – und wer die wichtigsten Werke kennt, kauft deutlich souveräner. Schweizer Klassiker wie das ETA 2824-2, die Sellita SW200-1 oder das Powermatic 80 stehen für bewährte Qualität, die japanischen Miyota- und Seiko-Werke für robuste, bezahlbare Technik – und die Manufakturwerke der Luxusmarken für das technische Maximum.
Unterm Strich musst du kein Uhrmacher werden. Es reicht, die Namen einordnen zu können – dann weißt du bei jeder Uhr sofort, was unter dem Zifferblatt tickt. Die einzelnen Werke schauen wir uns in eigenen Beiträgen noch im Detail an.



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